F24 – Denen, die sie beleben!
Die Fassade der Frauenstraße 24 mit Protest-Transparenten während der Besetzungszeit

Die Geschichte der Frauenstraße 24

Kein Bagger schiebt uns fort!

Drei Spekulanten wollten dieses Haus abreißen. Acht Jahre lang haben Menschen das verhindert. Deshalb kannst du heute hier sitzen.

Eins vorweg: Diese Geschichte haben nicht wir geschrieben. Sie gehört den Besetzerinnen und Besetzern, den Nachbarn, den Bewohnern von damals und heute. Wir führen seit 2013 die Gastronomie im Erdgeschoss und erzählen sie weiter, weil man in diesem Haus nicht einfach nur Döner essen kann, ohne zu wissen, warum es noch steht.

1905

Das letzte Haus

Die Frauenstraße ist alt, richtig alt: schon im 12. Jahrhundert als Weg des Frauenstifts „Zur lieben Frau" an der Überwasserkirche angelegt. Die Nummer 24 kam als letztes Haus der Straße dazu, 1905, mit einer Fassade zwischen Historismus und Jugendstil, Stuck und Engelchen inklusive.

Im Zweiten Weltkrieg wurde Münsters Altstadt zu über 90 Prozent zerstört. Zwischen Überwasserkirche und Schloss blieb ein einziges Haus stehen: dieses. Ein paar Reparaturen am Dach, der beschädigte hintere Teil wurde 1949/50 mit öffentlichen Mitteln wiederaufgebaut. Bis heute ist die F24 das einzige erhaltene Haus ihrer Zeit in diesem Teil des Stadtkerns.

Zu den früheren Bewohnern gehörte Werner Goldschmidt, der 1918 einzog und 1943 als Jude nach Auschwitz und später Theresienstadt deportiert wurde, wo sich seine Spur verliert. Auch das gehört zu diesem Haus, und wir schreiben es hin, damit es nicht vergessen wird.

Übrigens!

Gastgeberei steckt seit über hundert Jahren in diesen Wänden: Vor dem Krieg backte hier Konditormeister Anton Fitting und betrieb ein Café, ab 1962 zapfte Gabriele Nüsse in der „Schlossklause". Wir stehen also in einer ziemlich langen Reihe.

1905DIE HÄUSER GEHÖRENDENEN, DIE DRIN WOHNEN!F24

Jugendstil von 1905: drei Etagen Wohnraum, unten Gastgeberei.

1971

Der Spekulant

Im Januar 1971 kauft der Großmakler Hans Stürmer das Haus von einer zerstrittenen Erbengemeinschaft. Sein Geschäftsmodell ist stadtbekannt: Altbauten kaufen, Mieter rausdrängen, abreißen, Eigentumswohnungen aus Beton hinstellen. Die Zeitung titelt schon: „Adé, du altes Haus".

Stürmer behauptet, das Haus sei unbewohnbar verkommen, und bekommt von der Stadt die Abbruchgenehmigung. Im Dezember 1971 lässt er von einem Bautrupp eine Wohnung demolieren: Fenster zerschlagen, Leitungen rausgerissen, Sanitär zerstört. Als rauskommt, dass er das selbst angeordnet hat, kassiert er 20.000 DM Bußgeld und muss renovieren.

Der NRW-Innenminister verweigert zunächst die Freigabe der Sozialwohnungen. 1973 fällt die Abbruchgenehmigung trotzdem. Der Abriss ist beschlossene Sache. Fast.

Mangelnde Instandhaltung ist aber, wie bereits dargelegt, kein Grund, der den Abbruch öffentlich geförderter Wohnungen rechtfertigt.
NRW-Innenministerium, Ablehnungsschreiben an Stürmer, Januar 1972
Menschenmenge vor der Frauenstraße 24 während der Besetzung

3. Oktober 1973

Die Besetzung

In der Nacht vor der nächsten Abrissaktion besetzen rund 300 Menschen das Haus.

Die Wohnungsnot ist riesig, tausende Studierende finden kein Zimmer, manche kampieren in Zelten vor dem Schloss. Am 3. Oktober 1973 besetzen rund 300 Menschen die Frauenstraße 24 und vereiteln die für den nächsten Tag geplante Zerstörungsaktion.

Am Morgen danach steht ein Abbruchunternehmer mit Vorschlaghammer und Bautrupp vor der Tür und droht, den Besetzern „den Kopf einzuschlagen". Es bleibt beim Handgemenge. Einen anderen Bautrupp entwaffnen die Besetzer auf ihre Art: Sie spendieren den Arbeitern einen Kasten Pils.

Dann wird renoviert, wochenlang, mit Unterstützung aus der halben Stadt. „Instandbesetzung" nennt sich das: Man besetzt nicht nur, man repariert. Sogar der Bischof von Münster stellt 100.000 DM für die Herrichtung in Aussicht, was den eher linken Besetzern ein bisschen peinlich ist. Und eines Wintertages steht ein LKW voller Kohle vor der Tür, Solidaritätsspende für die Heizung. Im Frauenstraßenlied heißt es bis heute: „Die Kumpels brachten Kohle, die Nachbarn Hausgerät, so haben wir das Haus erhalten durch Solidarität."

Ehrlich!

Die Eichenpaneele an den Kneipenwänden? Gestiftet von einer Sargtischlerei. Auch konservative Münsteraner, entsetzt über den Abriss-Vandalismus jener Jahre, halfen mit Bier und Renovierungsmaterial. Dieses Haus hat mehr Leute zusammengebracht, als man denkt.

Original-Plakat aus der Besetzungszeit: Kein Bagger schiebt uns fort

Das Plakat der Besetzungszeit. Der Satz wurde zum Motto des ganzen Kampfes.

1976

Drei Spekulanten, tausend Nadelstiche

Stürmer geht 1974 pleite, das Haus kommt unter Zwangsverwaltung, die Bewohner bekommen reguläre Mietverträge mit dem AStA der Uni als Hauptmieter. Doch 1976 ersteigert der nächste Spekulant das Haus: Hermann Josef Schmalt, gleiche Absichten, gleiches Ende. Er landet in Untersuchungshaft und geht pleite, bevor er räumen lassen kann.

1977 gründen Bewohner und Freunde einen Verein, um das Haus zu kaufen und unten ein Kulturzentrum zu betreiben. Bei der nächsten Zwangsversteigerung 1978 haben sie das Geld beisammen und werden in letzter Minute überboten: von Makler Günter Arno Ernst, um 40.000 DM. Ernst kündigt sofort allen.

Was folgt, sind Jahre juristischer Abwehrschlachten und erfindungsreicher Öffentlichkeitsarbeit. Die Bewohner ziehen mit einem Bollerwagen samt Klo durch die Stadt („Wohnklo für Studenten"), tragen 10.000 Unterschriften an einer langen Leine durch die Innenstadt, überreichen dem Baudezernenten einen goldenen Abrissbagger, stehen im Schlafanzug vor dem Rathaus und mischen sich unangemeldet mit dem Transparent „Wider den tierischen Ernst" in den Karnevalszug. Bei Demos tragen sie einen großen Pappmaché-Hai durch die Straßen, den „Spekulantenhai". Er steht heute als Nachbildung im Stadtmuseum.

Es gibt auch die dunkelste Stunde: Im Mai 1979 öffnen Unbekannte im Keller eine Gasleitung und stellen eine brennende Kerze daneben. Der Wirt bemerkt beim Anstechen eines Bierfasses den Gasgeruch und alarmiert alle im Haus. Eine Explosion wird nur durch Zufall verhindert. Die Täter wurden nie ermittelt.

Im Winter 1979 verhüllen die Bewohner die Fassade mit schwarzer Folie: Seht her, so sieht die Straße aus, wenn das Haus fällt. Und Ernst? Der gibt der Zeitung Sätze wie diesen:

Ich mache aus der Frauenstr. 24 'ne Goldgrube oder ein Rattenloch. Die Anwohner werden mich im zweiten Fall noch anbetteln, das Ding endlich abzureißen.
Makler Günter Arno Ernst, Münstersche Zeitung, 11. Juni 1980
Bürgerumzug durch die Münsteraner Innenstadt für den Erhalt des Hauses

Bürgerumzug durch die Innenstadt: Protest mit Witz statt Randale.

Die mit schwarzer Folie verhüllte Fassade der Frauenstraße 24, 1979

Die verhüllte Fassade, Winter 1979. Schwarze Folie als Vorschau auf den Verlust.

Nebenbei

Die Kneipe war immer mittendrin

Der Widerstand lief nicht nur über Gerichte, er lief über den Tresen. Ab November 1976 luden die „Heißen Freitage" zu Folk, Blues und Irish Folk ins Erdgeschoss, immer voll, und der Grundstein für die Kulturkneipe, die es bis heute gibt. Ab 1979 machten die Hausbewohner jeden Samstag selbst Thekendienst, einmal im Monat war Disco.

Beim Soli-Straßenfest trat ein junger Götz Alsmann auf, der WDR berichtete live, und Solidaritätskonzerte füllten Hörsäle. Wer hier heute ein Bier trinkt, sitzt in einem Raum, der sich seine Existenz buchstäblich ersungen und ertanzt hat.

Die Kneipe der Frauenstraße 24 in der Besetzungszeit

Die Kneipe in der Besetzungszeit. Eichenpaneele: siehe oben.

1981

Gerettet

Anfang 1981 ist die Lage festgefahren: Ernst will einen Spekulationspreis, das Land will nicht zahlen, die Abbruchgenehmigung ist ausgelaufen, das Haus steht inzwischen in einer städtischen Erhaltungssatzung. Nach einem Rats-Go-In mit 5.000 Unterschriften, einer Spontandemo mit rund 1.000 Menschen und Vermittlung aus der Politik gibt der NRW-Stadtentwicklungsminister Christoph Zöpel im März 1981 grünes Licht: Die Landesentwicklungsgesellschaft kauft das Haus.

Bekannt wird der Verkauf ausgerechnet während einer Kundgebung. Die Veranstalter packen zusammen und feiern in der Frauenstraße. Nach fast acht Jahren endet eine der längsten und eine der wenigen dauerhaft erfolgreichen Hausbesetzungen der Bundesrepublik. Das Haus wird renoviert und an studentische Wohngemeinschaften vermietet, die Fassade steht heute unter Denkmalschutz.

Ernst verabschiedet sich standesgemäß beleidigt: „Da gehen 21 Rabauken auf die Straße, und Stadt und Land müssen springen, was soll's." Kein schlechtes Schlusswort, finden wir. Die 21 Rabauken haben gewonnen.

Straßenfest in der Frauenstraße nach der Rettung des Hauses

Gefeiert wurde ausgiebig: Straßenfest in der Frauenstraße.

Bis heute

Das Wandbild und unser Logo

Der Maler Gerd Meyerratken war einer der letzten regulären Mieter vor der Besetzung und einer der Ersten, die Alarm schlugen. Er malte das große Wandbild in der Kneipe, das die Bewohner und Unterstützer von damals vor ihrem Haus zeigt. 2011 wurde es abgenommen und restauriert, 2017 kehrte es an seine alte Stelle zurück, im Beisein seiner Witwe und vieler Menschen, die darauf zu sehen sind.

Schau es dir an, wenn du bei uns bist. Und wirf danach einen Blick auf unser Logo: Die Silhouette der Hausbesetzer aus dem Wandbild ist bis heute das Zeichen der F24. Wir tragen sie auf Speisekarte, Schild und Website, als tägliche Erinnerung, wem wir diesen Laden verdanken.

Arm in Arm vor ihrem Haus: das Motiv, aus dem unser Logo wurde.

Das Wandbild von Gerd Meyerratken in der Kneipe: die Hausbewohner der Besetzungszeit vor der Frauenstraße 24

Das Wandbild von Gerd Meyerratken in unserer Kneipe.

Die blaue Jugendstil-Fassade der Frauenstraße 24 heute

Heute

Ein Haus, drei Etagen Leben

Oben wird gewohnt, im Saal gibt es Kultur, unten dampfen Pide und Çay.

Oben wird gewohnt: Die drei Etagen über uns werden bis heute an studentische Wohngemeinschaften vermietet. Im Saal macht der KulturVerein Frauenstraße 24 e.V. das Kulturprogramm: Konzerte, Lesungen, Ausstellungen, in direkter Linie der „Heißen Freitage" von 1976. Und unten stehen wir am Herd und am Tresen, seit 2013 in eigener Verantwortung, die Küche schon länger.

Die Geschichte des Hauses ist inzwischen offiziell Geschichte: Das Archiv der Besetzerzeit liegt seit 2020 im Stadtarchiv, das Stadtmuseum widmete dem Haus 2023/24 die Ausstellung „F24 – besetzt", und zum 50. Jahrestag der Besetzung erschien ein ausführliches Buch.

Lesestoff!

„Frauenstraße 24 – Geschichte einer erfolgreichen Besetzung", herausgegeben von Rita Weißenberg, Bernd Uppena und Joachim Hetscher. Unrast Verlag, Münster 2023, 352 Seiten, 19,80 €. Von Leuten geschrieben, die dabei waren.

Seit 1973 hat dieses Haus eine Haltung

Geschichte schmeckt am besten vor Ort!

Setz dich unters Wandbild, bestell was Gutes und schau dir die Eichenpaneele an. Du weißt jetzt ja, woher sie kommen.